Bedeutende Lyrik

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[Bearbeiten] 20. Jahrhundert

[Bearbeiten] Das Brooklyn Massaker (1991)

Steven Seagal

"Als ich ein Kind war ist immer ein alter Mann in unsere Gegend gekommen. Er war aus Italien, weißt Du? Er klingelte mit einer alten Schulglocke und er zog einen kleinen Schleifstein, der mit einem Pedal angetrieben wurde, hinter sich her. Dann sind die Nachbarn heraus gekommen und er schliff ihre Scheren und ihre Messer. 10 Cent hier einen viertel Dollar da, aber es war ehrlich verdientes Geld. Die Zeit verging und dann kauften die Leute Billigscheren und Wegwerfmesser. Es kamen immer weniger Leute auf die Strasse. Ich habe mir überlegt wie es wohl ist, jeden Tag los zu ziehen vor Sonnenaufgang und zurück zu kommen wenn es dunkel ist, ohne Geld für die Frau und die Kinder trotz all der Mühe. Diese Glocke hatte den einsamsten Klang den ich je hörte."

"Es war Dein Vater nicht war?"

"Und dann bin ich dem alten Mann nachgegangen. Einen ganzen Sommer, jeden Tag. Tag ein, Tag aus. Nach einer Weile fing er an daran kaputt zu gehen. Niemand, niemand, niemand brauchte ihn mehr und wenn Du fühlst, dass dich keiner braucht, dass Du überflüssig bist, dann stirbst Du innerlich. Du lässt Dich auf einmal gehen. Wir haben allen Leuten erzählt Vater wäre an Krebs gestorben, aber ich glaube er starb an gebrochenen Herzen." - Steven Seagal

[Bearbeiten] Mein Onkel Fred (1945)

Heinrich Böll

Mein Onkel Fred ist der einzige Mensch, der mir die Erinnerung an die Jahre nach 1945 erträglich macht. Er kam an einem Sommernachmittag aus dem Krieg heim, schmucklos gekleidet, als einzigen Besitz eine Blechbüchse an einer Schnur um den Hals tragend sowie beschwert durch das unerhebliche Gewicht einiger Zigarettenkippen, die er sorgfältig in einer kleinen Dose aufbewahrte. Er umarmte meine Mutter, küsste meine Schwester und mich, murmelte die Worte "Brot, Schlaf, Tabak" und rollte sich auf unser Familiensofa, und so entsinne ich mich seiner als eines Menschen, der bedeutend länger war als unser Sofa, ein Umstand, der ihn zwang, seine Beine entweder anzuwinkeln oder sie einfach überhängen zu lassen. Er fühlte sich dadurch aber keineswegs gehindert, einem sehr ausgiebigen Schlaf zu frönen. [...]

Onkel Freds Ankunft weckte in uns allen die Erwartung starker männlicher Hilfe. Aber zunächst enttäuschte er uns. Schon vom ersten Tag an erfüllte mich sein Appetit mit großer Sorge und als ich dieses meiner Mutter ohne Zögern mitteilte, bat sie mich, ihn erst einmal „zu sich kommen zu lassen“. Es dauerte fast 8 Wochen eher er "zu sich kam". Trotz aller Flüche über das unzulängliche Sofa schlief er dort recht gut, verbrachte den Tag dösend oder indem er uns mit leidender Stimme erklärte welche Stellung er im Schlaf bevorzugte. Ich glaube es war die Stellung eines Sprinters vor dem Start die er damals allen anderen vorzog. Er liebte es nach dem Essen, auf dem Rücken liegend, mit angezogenen Beinen ein großes Stück Brot genussvoll in sich hinein zu bröckeln, dann eine Zigarette zu drehen und dem Abendessen entgegen zu schlafen.

Er war früher Buchhalter gewesen, und als die ersten vier Wochen auf unserem Sofa vorüber waren, forderte meine Mutter ihn mit schwesterlicher Sanftmut auf, sich nach seiner alten Firma zu erkundigen – er gab diese Aufforderung behutsam auf mich weiter, aber alles, was ich ermitteln konnte, war ein absoluter Trümmerhaufen von zirka acht Meter Höhe, den ich nach einstündiger mühsamer Pilgerschaft in einem zerstörten Stadtteil auffand. Onkel Fred war über das Ergebnis meiner Ermittlungen sehr beruhigt. Das Ergebnis in dieser Zeit war dann die Tatsache, dass Onkel Fred gut acht Wochen nach seiner erfreulichen Heimkehr die Initiative ergriff. Er erhob sich an einem Spätsommertag morgens von seinem Sofa, rasierte sich so umständlich, dass wir erschraken, verlangte saubere Wäsche, lieh sich mein Fahrrad und verschwand. Seine späte Heimkehr stand unter dem Zeichen großen Lärms und eines heftigen Weingeruchs; der Weingeruch entströmte dem Munde meines Onkels, der Lärm rührte von einem halben Dutzend Zinkeimern, die er mit einem großen Seil zusammengebunden hatte. Unsere Verwirrung legte sich erst, als wir erfuhren, dass er entschlossen sei, den Blumenhandel in unserer arg zerstörten Stadt zum Leben zu erwecken. Meine Mutter, voller Misstrauen gegen die neue Wertewelt, verwarf den Plan und behauptete, für Blumen bestehe kein Bedürfnis. Aber sie täuschte sich.

Es war ein denkwürdiger Morgen, als wir Onkel Fred halfen, die frisch gefüllten Eimer an die Straßenbahnhaltestelle zu bringen, wo er sein Geschäft startete. Und ich habe den Anblick der gelben und roten Tulpen, der feuchten Nelken noch heute im Gedächtnis und werde nie vergessen, wie schön er aussah, als er inmitten der grauen Gestalten und der Trümmerhaufen stand und mit schallender Stimme anfing zu rufen: “Blumen ohne!“ Über die Entwicklung seines Geschäftes brauche ich nichts zu sagen: Sie war komentenhaft. Schon nach vier Wochen war er Besitzer von drei Dutzend Zinkeimern, Inhaber zweier Filialen, und einen Monat später war er Steuerzahler. - Heinrich Böll

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